Das Künstlerische als schöpferisch leibhaftiges Bei-sich-Sein in der Welt

Bilder gehören zum Menschen wie zur Menschheitsentwicklung überhaupt. Ob Höhlenzeichnungen in Lascaux, Hieroglyphen im alten Ägypten bis den in Urzeiten reichenden Verzierungen und Formgebungen von Körpern, Produkten und Werkzeugen: Es war der Weg vom Bild zur Schrift und von dort zur mathematisch-technischen Formalisierung und Mediatisierung, der den Prozess der Zivilisation nicht nur begleitet, sondern wahrscheinlich sogar begründet hat.

Das in Niklasdorf in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Geburtsort Leoben bei Graz mitten in alpiner Berglandschaft gelegene Atelier des Bildners Georg Brandner ist so etwas wie ein ‚Labor‘ menschlicher Existenz und Wesenskräfte. Dies insofern, weil es einen Freiraum zur Entfaltung höchst intimer wie zugleich allgemein menschlicher Schöpfungskräfte bildet. Ein Ort des mit sich allein Seins und damit auch Bei-sich-sein-Könnens. Das Atelier ist in diesem Sinne Kloster, Ashram, Experimentalraum, Werkstatt, Heimstätte, ja Ur-Heimat eines durch sich hindurch Modellierens, Experimentierens, Komponierens … Ein Ort der Entdeckung von Sensitivität, Vorstellungs- und Gestaltungskräften. 

Der Künstler Georg Brandner – ist er nicht wie alle vitalen Schöpfer von schönen Bildwelten ein Forschender, Erfindender und Spielender zugleich? Und dies auch ein Stück jenseits der Re-Produktion wie (Re-)Definition von KUNST im Sinne von Kunst-Betrieb und Kunst-Historie? 

Und das ist den „Geschöpfen“ Georg Brandners besonders eigen: Sie strahlen Kraft und Intelligenz von innen heraus aus, sind Re-Präsenz eines ruhelos erscheinenden, sich im Tun ordnenden Geistes, der sich körperlich über Bilder, Objekte, Installationen ausschöpft, ja über sein ganzes Lebensumfeld auszuschütten scheint: Der ‚Heilige Geist‘ – tradiert im katholischen Bergtal bis heute irgendwie anwesend – ist bei Georg Brandner anwesender Geist, ist Wachheit, kreatürliche Kreativität – eben leibhaftiger Geist. Und genau das strahlen die Werke Georg Brandners aus! 

Hier ist einer, der wirklich lebt, mit sich und der Welt etwas anzufangen weiß, die Welten in wie um sich erkundet und diese dabei (re-)modelliert, ja neu erfindet. Also keiner, der das Vorgegebene einfach benutzt, konsumiert und mehr oder minder im Dienste egomanischer Aufmerksamkeitssucht verwendet. Malerei ist bei Georg Brandner plastisches (Selbst-)Erfinden und (Selbst-)Modellieren, das Spiel mit den eigenen Gaben wie Potenzialen der Wahrnehmung und des ‚Wahr-Machens‘!

Es ist wahr – Georg Brandner bewegt sich nicht nur bezüglich der verwendeten Materialien und Techniken, sondern auch – scheinbar schwerelos – im großen Kosmos der malerischen Ausdrucksmittel der Moderne. 

Er ist in diesem Sinne so etwas wie ein lebendiger Generator bisheriger bildnerischer Erfindungen und Haltungen. Er spielt intuitiv wie bewusst mit dem gestischen, farblichen, zeichnerischen, konstruktiven wie an-verwandelnden Ausdrucks-Potenzialen, ohne sich in Formalien zu wiederholen. Er ‚spricht‘ unverwechselbar in seiner eigenen bildnerischen Sprache und bewegt sich dabei scheinbar mühelos und ungewollt zwischen den Feldern zeitgenössischer wie auch archaischer Bildkünste. Er deutet damit modellhaft auf eine fundamentale Dimension menschlicher Existenz: 

Des menschliche Wesen ist leibhaftig immer singulär autonom und zugleich universell mit der Welt, den oder dem Anderen nach allen Seiten raum-zeitlich verbunden. 

Wie in all seinen Bildern und Glasskulpturen ist das Bildnerische bei Georg Brandner ein Sich-Ereignen in einem weit geöffneten Universum von Materialien , Instrumenten und Techniken bis hin zu erfinderischen Glas-Fabrikationen im mehr oder weniger berechenbaren Glasbrennofen und einem einzigartigen Vermögen zur sensitiv-geistigen Zusammenschau. 

Dieser Kosmos an untersuchten und angewandten Möglichkeiten kann nur zusammengehalten werden durch die leibhaftige, ja gestische Wahrheit eines Vollblutkünstlers.  

Der Welten-Wanderer zwischen Amerika, Europa und Asien, der Sammler von Eindrücken in unterschiedlichsten Kultur-, Klima- und Zeitzonen ist zugleich der immer bei sich seiende, bodenständige, also Heimat verbundene Sesshafte. Und dieser nomadisch Sesshafte unterscheidet sich eben von den chronisch Sesshaften, die im ewig gleichen ‚Außen‘ je das gleiche ‚Innen‘ zu bestätigen suchen – egal wo sie denn auch mal Urlauben oder Dienstreisen. 

Georg Brandner ist sich auch angesichts seines internationalen Erfolgs immer selbst treu geblieben. Er ist von Grund auf authentisch – um dieses Modewort zu verwenden.

Er bleibt im Prozess des Findens, des Probierens, des immer wieder neu Anfangens, des Überschreitens, sich Hingebens … Dies gerade auch auf Grundlage jahrzehntelanger Erfahrungen im Umgang mit Materialien, Gestaltungsprinzipien und nicht zuletzt den eigenen Fähigkeiten inklusive dem Wissen über sich selbst und der Welt. 

Chaos ist ohne Ordnung, Spontanität, ohne die Fähigkeit zu Form- und Sinngebung nicht möglich. Freiheit beginnt auch in Georg Brandners Werk genau dort, wo sie Freiheit über die Verfügung von Mitteln, Potenzialen, Spielräumen und Motivationen ist. Freiheit setzt inneren menschlichen Reichtum, aber auch äußere Entfaltungsräume voraus. Genau letztere hat sich Georg Brandner mit seinem wunderbar anmutenden Wohnatelier in Niklasdorf und seinen weltweiten Beziehungen zu Menschen, Landschaften und Kulturen geschaffen.

Wir können gespannt sein, was da noch kommt. 

                                                                                                                                          Klaus Nicolai 

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